Corona Lockdown in der Kindertagesstätte – aus der Sicht einer Kindergartenleitung

Was tun Leitungen der Kindertagesstätten, wenn der Kindergarten sich im Corona- Modus befindet?
Hier kommen mögliche Antworten der öffentlichen Meinung:
Sie liegen auf dem Balkon in der Sonne und drehen Däumchen, sie schlafen aus oder renovieren ihre Wohnung,… usw.
Nein, auch wenn man sie nicht sieht, so arbeiten sie doch für die Kinder und deren Eltern in der Einrichtung.
Leitungen müssen für Träger, Mitarbeiter*innen und Eltern ansprechbar sein. Die Masse der Informationen seitens der Landesregierung, des Kirchenamtes, des Diakonischen Werkes und anderer öffentlicher Stellen mit wichtigen Informationen zum Umgang mit der Krise und zu den neuen gesetzlichen Vorschriften müssen täglich gesichtet werden und dem pädagogischen Team sowie den Eltern in möglichst kompakter Form zugänglich gemacht werden.

Über die Arbeit der Leitungen möchte ich hier eine kurze Darstellung der vergangenen Zeit geben.

Am Anfang gab es große Unsicherheit wegen der hygienischen Vorschriften. Die Organisation der bekannten Hygieneregeln wurde von den Leitungen vorgenommen und gemeinsam mit dem Team umgesetzt. In unserem Kindergarten wurden zuerst Decken und Kissen sowie das Spielzeug von den Erzieherinnen gewaschen und desinfiziert. Die Reinigungskräfte waren mit Grundreinigung der Räume, besonders der Waschräume und Toiletten beschäftigt und wurden auf die veränderten Anforderungen hingewiesen. Außerdem wurden von den Erzieherinnen vorsichtshalber schon einmal Masken auf Vorrat genäht, da noch nicht klar war, ob mit Masken in den entstehenden Notgruppen gearbeitet werden muss. Da die Berufsgruppe der pädagogischen Fachkräfte am Anfang als nicht systemrelevant eingestuft wurden, gab es in den Kindertagesstätten Probleme mit den Mitarbeitern*innen, die kleine Kinder und/oder junge Schulkinder zu Hause betreuen mussten. Außerdem gab es keine genauen Vorgehensweisen, wie mit den Mitarbeitern*innen umgegangen werden sollte, die den Risikogruppen angehören. Während in anderen Berufszweigen klar Homeoffice angeordnet wurde, übrigens auch im Kirchenamt und in den Kirchengemeinden, gab es diese Möglichkeit offiziell für die Mitarbeiter*innen nicht. Hier entschieden die Leitungen der Einrichtungen z.T. auch mit den Mitarbeitern*innen des Kirchenamtes, wer im Homeoffice tätig sein konnte und wer nicht.

Die Eltern wurden von den aktuellen Maßnahmen und Vorgaben von der Leitung anfangs per Telefon, nach Kontrolle der Email-Liste per Mail regelmäßig, mindestens aber einmal pro Woche informiert.
Aber wie können Eltern ihre Sorgen und Nöte äußern, wenn es ein Kontaktverbot gibt?
Ganz einfach: viele Eltern griffen zum Telefon oder zum Computer und meldeten sich auf diese Weise. In unserem Kindergarten gibt es zusätzlich ein Nottelefon, das von mir als Leitung mit nach Hause genommen wurde und dessen Nummer den Eltern bekannt ist. Im März und April habe ich auf diese Weise mit vielen Eltern und auch einigen Kindern sprechen und den Kontakt aufrecht halten können. So konnten Missverständnissen aufgeklärt und Informationslücken geschlossen werden. Die wöchentlichen Elternbriefe, die per Post und per Mail verschickt wurden, hielten die Eltern über die neuesten Entwicklungen bezüglich der Pandemie und natürlich auch den Vorgängen im Kindergarten auf dem Laufenden. In den ersten Wochen wurden viele Informationen von offiziellen Stellen an den Kindergarten am Wochenende verschickt, so dass die Leitungen sich am Wochenende per Homeoffice selbst informierten und vorbereiteten, um am Wochenanfang dem Team die wichtigsten Neuerungen weitergeben zu können. Außerdem nutzen einige die kinderarme Zeit, um für die Sommerferien geplante Renovierungsarbeiten jetzt durchführen zu lassen. In unserem Kindergarten wurden Flure gestrichen und eine neue Garderobe eingebaut, das Spielauto im Garten renoviert, das Spielhaus und die Holzpferde neu gestrichen – letzteres vom Team selbst.

Es gab sehr schnell die ersten Notgruppen, mit unterschiedlichen Kinderzahlen, nach Alter und Zusammensetzung der Gruppen. Wenn aber die erste Notgruppe voll besetzt ist, was passiert mit dem nächsten Kind, das für eine neue Notgruppe angemeldet wurde? Es musste allein in einem Gruppenraum mit einer Erzieherin bleiben, während die anderen zusammen im anderen Raum spielten. Jeder der geschätzten Leser kann sich den Unmut von Kind und Eltern vorstellen, aber die Vorschriften waren eben genau das: gesetzlich vorgeschriebene Regeln. Uns Leitungen waren die Hände gebunden. Eltern mussten einen Antrag zum Besuch der Notgruppen im Kindergarten stellen und die Notwendigkeit der Unabkömmlichkeit in ihrer Arbeitsstelle vom Arbeitgeber bestätigen lassen. Der Antrag ging vom Kindergarten dann zum Kirchenamt, die in einem speziellen Gremium dann entschieden, ob der Antrag genehmigt werden konnte oder nicht. Die Leitungen waren dankbar, dass diese Entscheidung bei den Fachkräften im Kirchenamt lag, die die aktuellen rechtlichen Vorgaben immer im Blick hatten. Natürlich gab es hier und da Unverständnis gegenüber den Entscheidungen, das den Teams im Kindergarten gegenüber deutlich geäußert wurde, die an der Situation aber nichts ändern konnten.
In regelmäßigen Dienstbesprechungen wurde viel über Hygieneschutz und Hygienemaßnahmen geredet, diskutiert und Überlegungen zur Umgestaltung von Waschraum, Außengelände oder der allgemeinen Verkehrswege angestellt. Es durfte ja keinen Kontakt zwischen den einzelnen Notgruppen geben. Das liest und hört sich alles ganz einfach an, aber oft sind die Flure zu klein, um sie in zwei Fahrstreifen zu unterteilen, die Waschräume werden von Gruppen gemeinsam benutzt, oder es gibt nur eine Wickelmöglichkeit. Ein Zeitplan wurde erstellt, an dem jede Gruppe den Waschraum für sich hatte; aber Theorie und Praxis verhalten sich wie Marx und Murks – es kann nicht klappen, da ja ein Kind nicht auf Kommando zur Toilette geht oder in die Windel macht, oder sich die Hände waschen muss, weil es getuscht oder gegessen hat. Jeder kann sich vorstellen, welche Schwierigkeiten und vor allen Dingen wieviel Zeit die Mitarbeiter*innen für die Einhaltung der Hygienevorschriften und die Aufsicht über die Kinder, diese einzuhalten aufwenden mussten.

Die Kindertagesstätte ist aber nach wie vor kein Aufbewahrungsort, sondern eine pädagogische Einrichtung, die die Entwicklung des einzelnen Kindes und der Gruppe im Blick haben muss und mit pädagogischen Möglichkeiten begleitet und fördert.

Das gilt auch für die Zeit der Notgruppen! Wo bleiben aber die Kinder, die den Kindergarten nicht besuchen durften? Hier war die Kreativität und der Einfallsreichtum der pädagogischen Mitarbeiter*innen gefordert. In unserer Einrichtung gab es pro Kind einen Corona-Briefkasten, der jede Woche mit einem kleinen handgeschriebenen Brief einer Gruppenerzieherin und verschiedensten Bastelanregungen oder Spielen sowie Erzählungen aus dem Kindergartenalltag und Geschichten zum Vorlesen bestückt wurde. Am Wochenende konnten dann die Kinder ihre Post aus den selbstgebastelten und am Kindergarten aufgehängten Briefkästen abholen. (s. Foto)

Jetzt haben die Kindertagesstätten wieder vollere Gruppen, nur einige Kollegen*innen sind noch nicht da, da sie wegen ihrer Zugehörigkeit zur Risikogruppe krankgeschrieben sind. Das belastet die Einrichtungen und lässt normalen Betrieb oder Öffnungszeiten noch nicht zu. Hygieneregeln bleiben bestehen, das bedeutet: Weniger Fachkräfte müssen mehr leisten! Auch hier ist das Organisationstalent der Leitungen gefragt.
Ich persönlich habe mein Team sehr gelobt und finde, dass so viel Engagement eigentlich auch Lob von Seiten der Eltern verdient hätte.
Vielleicht findet ja das eine oder andere Elternteil noch einmal die Worte, um den pädagogischen Mitarbeitern*innen ihre Anerkennung auszusprechen, die sie für ihre vielseitige, kreative und liebevolle Arbeit mit und um ihre Kinder wirklich verdient haben.


Bild und Text: Ursula Brandis, Kindergartenleiterin des
Ev. – luth. Kindergartens St. Andreas Groß Lobke