Im Kindergarten anlässlich des Ewigkeitssonntags

Wenn die dunkle Jahreszeit kommt, beginnt auch im Kindergarten eine Zeit der Besinnung. Der Herbst hat natürlich auch seine bunten und fröhlichen Seiten, aber Regentage und dunkle Wolken lassen die Deckenlampen wieder leuchten. Schöner ist natürlich Kerzenschein, der Wärme und Geborgenheit vermittelt.
Kinder sind immer sehr empfänglich für besinnliche Gemütlichkeit, Kuscheln auf dem Sofa, auf dem Bauch liegend ein Buch betrachten oder in der Butze den Drehungen des Leuchtkreisels zuschauen. Dieses Bedürfnis nach Beschaulichkeit nutzen wir, um mit den Kindern in Ruhe ernstere Themen zu besprechen – zum Beispiel den Ewigkeitssonntag.

Erwachsene scheuen sich oft, kleine Kinder mit dem Thema Tod und Verlust zu konfrontieren. Dabei vergessen sie, dass Kinder Verluste durchaus erleben und erleiden. Trennung von Eltern, Verlust von Freunden durch Umzug, das Haustier, das plötzlich nicht mehr da ist. Die Gefühle von Trauer, Wut, Angst sind Kindern sehr bekannt, sie brauchen in einer solchen Situation liebevolle und verständnisvolle Begleitung. Das können die eigenen Eltern oder andere Verwandte sein, oder auch die Erzieher*innen im Kindergarten und natürlich die eigenen Freunde.
In unserem Kindergarten verlor ein Kind seine Großmutter, zu der es eine besondere Beziehung hatte. Es vermisste sie, hatte auch nicht die Möglichkeit, bei der Beerdigung dabei zu sein. Wir holten Bilderbücher hervor, die von Großeltern oder deren Sterben erzählten, gaben dem Kind viel Raum, um uns und den anderen Kindern seine Erlebnissen zu berichten. Besonders bedrückend empfand es die Vorstellung, dass „Oma ja jetzt ganz allein in der Erde liegt“. Die Eltern hatten dem Kind gesagt, dass Oma nun nie mehr zu ihm kommen könnte, da sie beerdigt sei. Wir fragten die anderen Kinder während eines Morgenkreises, ob sie schon einmal einen Friedhof besucht haben. Viele der größeren Kinder kannten ihn und wussten auch, ob es das Grab einer Oma oder eines Opas dort gibt. Einige sagten uns, dass nur der Körper dort liegt, die Seele sei in den Himmel geflogen und deswegen immer da. Das führte zu der Frage, was eigentlich die Seele ist und ob man sie sehen kann. Um den Kindern zu verdeutlichen, wie man sich „das mit der Seele“ vorstellen kann, nutzten wir ein einfaches Wasserexperiment, bei dem das Wasser die Seele des Menschen darstellen sollte. Gefrorene Eiswürfel wurden geschmolzen, anschließend in einem Topf in der Küche zum Kochen gebracht und dann nach draußen auf den Hof gestellt. Vom Fenster sahen die Kinder wir der Wasserdampf sich in der Luft auflöste. Der Rest des Wassers wurde draußen auf den Boden gegossen, es floss in eine Pfütze. Alle Kinder wussten, wenn die Sonne die Pfütze trocknet, kann man das Wasser nicht mehr sehen. Die Großen wussten schon mehr, es wird am Himmel zur Wolke und regnet irgendwann wieder auf die Erde. Oder das Wasser fließt in die Kanalisation, von dort in einen Fluss und zum Schluss ins Meer. Es ist also irgendwie immer da – auch wenn wir es so, wie in unserem Eiswürfel nicht mehr sehen können. Der Gedanke, dass Omas Seele überall sein kann, tröstete unser kleines Kind. Wichtig war es für sie, dass Oma nicht allein war, denn wo ihre Seele war, waren ja auch viele andere. „Und der liebe Gott passt auf sie auf!“ Dieser Satz eines Sechsjährigen half uns das Thema abzurunden. Gott lässt niemanden allein und er vergisst auch niemand. Deswegen feiern wir den Ewigkeitssonntag. Die Menschen erinnern sich an liebe Verstorbene, indem sie Kerzen auf die Gräber stellen oder sie besonders schmücken. Das tun unsere Kindergartenkinder nun auch jedes Jahr. Sie basteln Grablichter, denken mit der Osterkerze, einer Taufkerze und einer selbstgestalteten Totenkerze in einer kleinen Andacht an Gott und seine große Aufgabe, „auf so viele Seelen aufzupassen“ und verteilen anschließend auf Gräbern auf dem Groß Lobker Friedhof ihre selbstgestalteten Lichter.
Sie singen: „Tragt zu den Toten ein Licht, sagt allen fürchtet Euch nicht!  Gott hat Euch lieb, Groß und Klein! Seht auf des Lichtes Schein!“ So erinnern sie alle Besucher dort daran, dass Gott keinen Menschen vergisst.

Text und Foto: Ursula Brandis, Kindergartenleiterin